Der SelbstVerbindungs-Blog 

von Dr. Grit Ludwig


Authentisch sein, auf die innere Stimme hören, das wird immer wichtiger in unserer Zeit! Oft ist unsere innere Stimme nicht ganz klar zu vernehmen: Durch (größere und kleinere) eigene Traumata aus der Kindheit, durch übernommene Traumata oder allgemein durch Verstrickungen aus dem Familiensystem verlieren wir teilweise die Verbindung zu unserem wahren Selbst.

 In diesem Blog findest Du Beiträge dazu, wie Du Dich besser mit Deinem Wesenskern verbinden kannst. Dadurch wird es möglich, dass Du Dein Leben als Original lebst und Deinen eigenen Weg gehst! 

Adoption: Wirkung im Familiensystem

Adoption aus dem Ausland

Während Anfang der 80er Jahre noch über 9.000 Adoptionen im Jahr allein in den westlichen Bundesländern stattfanden, wurden im Jahr 2020 in Deutschland 3.774 Kinder adoptiert, ein großer Teil davon durch die Stiefväter. Knapp 900 Kinder unter drei Jahren wurden 2020 in Deutschland adoptiert, bei denen keinerlei Verwandtschaftsverhältnis zu Adoptivmutter oder -vater bestand. Die Zahl der Adoptionen von im Ausland geborenen Kindern ist seit 2010 um 75% gesunken und lag im Jahr 2020 bei 116 (Quelle: DESTATIS). 

Rechtlich wirkt eine Adoption in Deutschland nach § 1755 BGB so, dass das Verwandtschaftsverhältnis des Kindes zu seinen Eltern, Großeltern und anderen Verwandten erlischt. Die familiensystemische Arbeit lehrt uns aber, dass das Kind aus systemischer Sicht in seine Ursprungsfamilie eingebunden bleibt. Systemaufstellungen zeigen, dass das System die Kinder so behandelt, dass sie nach wie vor zu den leiblichen Eltern gehören. Im Familiensystem der Adoptiveltern haben die leiblichen Kinder Vorrang vor dem adoptierten Kind. Die systemische Zuordnung ist daher anders als die juristische (https://www.lexikon-aufstellungen.de/post/adoption). Da adoptierte Kinder familiensystemisch in ihrer Ursprungsfamilie verbleiben, ist aus systemischer Sicht eine Adoption nur gerechtfertigt, wenn niemand aus der Ursprungsfamilie zur Verfügung steht, der für das Kind sorgen kann (Hellinger, Ordnungen der Liebe, 2002). In Betracht kommen neben dem Vater des Kindes die Großeltern auf beiden Seiten, aber auch Tanten, Onkel, Großtanten etc. Ist niemand aus der Ursprungsfamilie willens und in der Lage, das Kind aufzunehmen, so können die Adoptiveltern für das Kind dann die Stelle der Eltern einnehmen. Die Adoptiveltern müssen sich aber bewusst sein, dass sie die Elternposition nur vertretungsweise ausüben und das dem Kind gegenüber ausstrahlen, d.h. sie müssen die leiblichen Eltern respektieren. Denn nur in diesem Fall können die adoptierten Kinder aus systemischer Sicht von ihren Pflege- oder Adoptiveltern das Gute annehmen. Das Kind ist aus systemischer Sicht zu Recht auf seine leiblichen Eltern wütend, wenn diese es weggegeben haben, aus welchen Gründen auch immer. Wenn die Adoptiveltern nicht alles versucht haben, dass das Kind bei Verwandten aufwachsen kann und sich selbst an die Stelle der leiblichen Eltern setzen, diese als minderwertig betrachten o.ä., so zeigen Systemaufstellungen, dass das Kind seine Wut dann auf die Adoptiveltern projiziert.

Systemisch gesehen ist daher die Pflege eine bessere Lösung als die Adoption, weil die Beziehung zu den leiblichen Eltern auch rechtlich nicht gekappt wird. Nach § 1688 BGB entscheiden Pflegeeltern lediglich in Angelegenheiten des täglichen Lebens und vertreten insoweit die leiblichen Eltern. Diese verbleiben grundsätzlich Inhaber der elterlichen Sorge. In der Praxis scheint dies heute berücksichtigt zu werden, denn die Zahlen der Adoptionen, zumal außerhalb von Verwandtschaftsbeziehungen mit mindestens einem Elternteil, gehen stetig zurück.


Wurden die familiensystemischen Wirkungen bei Adoptionen früher weniger berücksichtigt, so kann es sein, dass Adoptierte heute noch darunter leiden. Alle direkt nach der Geburt adoptierten Kinder haben eine frühe Ablehnung bereits im Mutterleib erlebt. Sie haben im Uterus auch den Konflikt der Mutter, der dann zum Freigeben zur Adoption geführt hat, gespürt und in sich „aufgesogen“.  Außerdem wurden sie früh von der Mutter getrennt, was regelmäßig ein Trennungstrauma zur Folge hat. Diese prä- und postnatale Traumatisierung hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben des betreffenden Menschen. Mehr als Andere leiden adoptierte Kinder unter der Angst, verlassen zu werden. Sie haben das intensive Gefühl, den Erwartungen anderer nicht zu genügen, und zweifeln, ob sie überhaupt ein Recht haben zu leben. Sie haben oft das starke Gefühl, »nicht richtig« zu sein. Sie beschäftigen sich oft mit Fragen: "Warum war ich unerwünscht?", "Wer sind meine Eltern?", "Warum haben mich meine Eltern weggegeben?". Mit welchen Themen Adoptierte belastet sind, beschreibt die Leipzigerin Sandy Graf anschaulich in ihrer im August 2022 erschienenen Autobiographie mit dem Titel: "Adoptierte Indianer kennen keinen Schmerz, oder doch? - Autobiografie über Verlassenwerden, Adoption und Wurzelsuche - Handbuch zur Selbsthilfe".



In einer Systemaufstellung der Systemischen Selbst-Integration nach Dr. Langlotz(R) kann das frühe Beziehungstrauma und die Beziehung zur leiblichen Mutter aufgestellt und geklärt werden. Das Kind kann die Mutter auf der symbolischen Ebene spüren. Das Ablehnungstrauma wird aus dem eigenen Raum entfernt, ebenso das Trauma der Mutter über die unerwünschte Schwangerschaft und die daraus folgenden Konflikte, die das Kind im Mutterleib gespürt hat. Nach der Abgrenzung gegenüber der Mutter und deren falschem Selbst, das sich nicht um das Kind kümmern konnte, kann die Liebe des wahren Selbst der Mutter gespürt werden. Das wahre Selbst der leiblichen Mutter liebt das Kind rein und bedingungslos, nur war die Mutter mit diesem Selbst aufgrund eigener Probleme nicht verbunden. Die Verbindung mit dem eigenen wahren Selbst wird gespürt. Das innere Kind wird aus der Vergangenheit geholt, das Begrüßungsritual wird nachgeholt. Das innere Kind wird auf der Erde willkommen geheißen, ihm Schutz versprochen. Das wahre Selbst der Mutter erteilt dem Kind auf symbolischer Ebene den Segen. 

Auch die Beziehung zum leiblichen Vater kann in einer Systemaufstellung nach Dr. Langlotz(R) auf diese Weise geklärt werden, ebenso die Beziehung zu Adoptivmutter und -vater. Wichtig ist, dass das Kind auch den Adoptiveltern dankt und sie so nimmt, wie sie sind. Möchte eine leibliche Mutter die Beziehung zum weggebenen Kind klären, so ist es aus systemischer Sicht wichtig, dass sie zu ihrer Schuld steht. Die Freigabe zur Adoption war für die Mutter in der Regel die beste Lösung, denn nach den Umständen hatte sie keine Möglichkeit, für das Kind angemessen zu sorgen.


Fall Maximilian: Adoption aus dem Ausland als Baby 

Adoption aus dem Ausland

Maximilian wurde in Indonesien geboren. Seine Mutter war bei seiner Geburt sehr jung. Sie gab Maximilian gleich nach der Geburt in ein Waisenhaus. Vom Vater ist nichts bekannt. Als  Maximilian wurde als Baby von einem Ehepaar aus Österreich adoptiert. Sein Anliegen für eine Aufstellung mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration nach Dr. Langlotz(R) ist Folgendes: Er möchte einfach er selbst sein, seinen eigenen Raum in Anspruch nehmen. In Beziehungen neigt er zu symbiotischem Verhalten, gibt sein Eigenes gern auf und passt sich dem Gegenüber an. Wenn ihn etwas stört, fällt es ihm sehr schwer, das zu sagen. 

In der Aufstellung angeschaut wird das frühe Ablehnungstrauma / Beziehungstrauma, denn offenbar war bereits die Entstehung von Maximilian für die Mutter eine belastende Situation. Dieses Trauma der Mutter und die Ablehnung der eigenen Person hat Maximilian schon im Mutterleib gespürt. Das prägt die ersten Erfahrungen vom Leben und von sich selbst zutiefst. Verknüpft ist dieses Trauma mit dem Trauma der konfliktbeladenen Schwangerschaft der Mutter. In der Aufstellung kommt Maximilian zu seiner leiblichen Mutter in Beziehung. Er kann das Schwere, das er von der Mutter übernommen hat, ihr zurückgeben. Es tut ihm gut, in seinem eigenen Raum zu sein, es fühlt sich leicht an. Das Spüren der Liebe des wahren Selbst der Mutter berührt ihn sehr, ebenso der Segen der Mutter am Ende. Die Verbindung zum inneren Kind fühlt sich noch ungewohnt an und wird im Lauf der Aufstellung gestärkt.

Video zur Fallbeschreibung auf dem Youtube-Kanal des Entwicklers der Methode der Systemischen Selbst-Integration(R), Dr. med. Ero Langlotz: https://www.youtube.com/watch?v=OZLuWG3Fq8k.

Adoptivvater und leiblicher Vater 

 

Fall: In einer Systemaufstellung nach Dr. Langlotz(R) kommt Max mit der Liebe des Adoptivvaters und auch des leiblichen Vaters in Kontakt – eine sehr berührende Aufstellung
 
https://www.youtube.com/watch?v=l69dvEes1AE 

Adoptivvater und Adoptivsohn

Nachdem Max die Beziehung zu seiner leiblichen Mutter geklärt hat, schaut er nun das Thema Männlichkeit, Durchsetzung, Aggressivität an. Max´ Adoptivvater hat Konflikte vermieden, Harmonie um jeden Preis. Max sagt, dass er nicht gelernt habe zu streiten, für seine Dinge einzustehen. Max hat in seiner Jugend einen Vater vermisst, der sich für ihn einsetzt, der nicht diplomatisch handelt. Aufgestellt wird zunächst der Adoptivvater und dessen Trauma. Auf dem Trauma muss Max schmunzeln. Er hat das Gefühl, er müsste das Leben des Vaters aufheitern. So ist das oft, dass ein Kind das Gefühl hat, es tut einer Bezugsperson etwas Gutes, wenn es versucht, sie aufzuheitern. Es macht dadurch aber die Probleme der Bezugsperson zur Grundlage der eigenen Existenz. Es ist auch eine Art, seine Loyalität zu erweisen, schau, ich bin nicht besser als Du, ich gehör zu Dir. Während der Aufstellung wird das Trauma aus Max´ Raum entfernt. Damit entfällt die Verbindung zum Adoptivvater über das Leid. Später wird die Verbindung über die Liebe hergestellt, indem Max die Liebe des wahren Selbst des Adoptivvaters spürt. Dann sagt der Adoptivvater: „Max, ich habe gern für Dich gesorgt, aber Dein Leben kommt von Deinem leiblichen Vater.“ Der leibliche Vater wird dazu gestellt. Das Selbst des Adoptivvaters sagt zu Max: „Das ist Dein leiblicher Vater. Dein Leben kommt von ihm. Ich freue mich, wenn Du ihn achtest.“ Dann tritt der Adoptivvater zurück. Das wahre und das falsche Selbst und das Trauma des leiblichen Vaters wird dazu gestellt. Es ist davon auszugehen, dass der leibliche Vater ein Trauma und ein falsches Selbst hatte, weil er nicht zu Max stehen konnte. Nachdem Max das falsche Selbst des leiblichen Vaters aus seinem Raum entfernt hat, kann er die Liebe des wahren Selbst spüren. Dadurch bekommt er eine Verbindung zur Wurzel seines Wesenskerns. Am Ende der Aufstellung sagt Max zu seinem leiblichen Vater: „Papa, mein Leben ist gut weiter gegangen. Das Leben, das ich von Dir bekommen habe, konnte ich weiter geben an meine Kinder. Du bist Großvater.“ Er stellt sodann die Enkel mit Namen vor. Der leibliche Vater gibt Max seinen Segen. Auch wenn Max den leiblichen Vater nie kennengelernt hat, ist in der Aufstellung möglich gewesen, eine innere Verbindung zu ihm zu bekommen. Damit wird die Lücke geschlossen, die Max bisher gespürt hat.