Selbstfindung, Selbstwerdung:
Was ist das wahre Selbst?
In den Aufstellungen mit der Methode der Systemischen Selbst-Integration wird das wahre Selbst als Teil des inneren Raumes eines Menschen aufgestellt - neben der Person hier und heute und dem inneren Kind. Alle drei Anteile werden durch Bauklötze symbolisiert. Was ist dieses wahre Selbst?
Der Begriff des wahren Selbsts ist schillernd und poetisch und läßt sich schwer fassen. Es gibt verschiedene Definitionen und Annäherungen an seinen Gehalt. Nach Hans-Joachim Maaz das Selbst die einmalige und unverwechselbare Grundmatrix einer Person (Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, S. 21). Mein Ausbilder Ernst Robert Langlotz definiert das wahre Selbst als das Eigentliche, das jeweils Einmalige, die authentischen Bedürfnisse, Überzeugungen und Gefühle eines Menschen (Ernst Robert Langlotz, Symbiose in Systemaufstellungen, S. 23). Das wahre Selbst ist demnach unser unveräußerlicher, unverletzbarer Wesenskern, unsere Essenz. So, wie es in Artikel 1 des Grundgesetzes heißt:„Die Würde des Menschen ist unantastbar."
Das wahre Selbst umfaßt Bewußtes und Unbewußtes und ist auch mit dem kollektiven Unbewußten verbunden. Es beinhaltet die Fähigkeiten und Talente, besonderen Eigenschaften und Qualitäten, die ein Mensch innehat und die bereits bei seiner Geburt angelegt sind. Das wahre Selbst ist vorhanden, bevor ein Kind ein Ich-Bewußtsein entwickelt. Das "Ich" als bewußter Anteil differenziert sich dann im Laufe der ersten Lebensjahre aus dem Selbst. Somit wirkt das Selbst durch das "Ich", aber das Ich kann das Selbst nicht vollständig erfassen.
Im Laufe unseres Lebens ist es unsere Aufgabe, uns immer mehr mit unserem wahren Selbst zu verbinden, damit wir unser Potenzial leben können. Nach Carl Gustav Jung ist es Ziel des Individuationsprozesses des Menschen, daß dieser sein wahres Selbst als etwas Irrationales und undefinierbar Seiendes erkennt, dem das Ich anhängt ist und um welches dieses gewissermaßen rotiert, wie die Erde um die Sonne (C. G. Jung, Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, S. 148). Wir sollen immer mehr der oder die werden, die wir eigentlich sind, immer echter, immer mehr wir selbst, immer stimmiger mit uns selbst. Dann, so Jung, sind wir gesund und erleben unser Leben als sinnvoll (Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 40 ff.). Individuation ist ein Prozeß und letztlich auch ein Ziel. Das Ganzwerden ist aber eine Utopie, die wir nie erreichen, denn ENT-Wicklung hört niemals auf.
Carl Gustav Jung, der Begründer der analytischen Psychologie, entdeckte bereits als Kind, daß er zwei Anteile in sich trägt. Die Persönlichkeit Nr. 1 ist der Sohn seiner Eltern, geht zur Schule und schlägt sich mit dem Leben herum. Die Persönlichkeit Nr. 2 war viel älter abgewandt von der menschlichen Gesellschaft, dafür nah bei der Natur und den Tieren, bei den Träumen und bei Gott. Nr. 2 war auch keine Persönlichkeit, sondern eine Totalschau der menschlichen Natur selber, geboren, lebend, gestorben, alles in einem (Anthony Stevens, Jung, S. 13).
Im Laufe des Individuationsprozesses lernen wir immer mehr Seiten an uns kennen, treten mit ihnen in Kontakt und verbinden sie mit dem Bild von uns selbst. Die Anregung dazu kann aus unserem Unbewußten oder aus der Auseinandersetzung mit unserer Mitwelt kommen. Der Individuationsprozeß führt nicht nur zu mehr Autonomie und damit mehr Freiheit, sondern auch zu mehr Beziehungsfähigkeit und mehr Echtheit (Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 40 ff.).
Auch Märchen können uns dabei helfen, uns immer fester mit unserem wahren Selbst zu verbinden. Jedes Märchen beschreibt einen Entwicklungsprozeß, durch den wir Zugang zu einer bestimmten Facetten unseres wahren Selbsts finden können (Marie-Louise von Franz, Die Suche nach dem Selbst, S. 9). Das wahre Selbst wird in Märchen durch Symbole verkörpert, die für eine Ganzheit stehen, zum Beispiel durch eine Rose. Eine Rose hat ihre Würde einfach dadurch, daß sie eine Rose ist. Eine Rose braucht keine Anerkennung von außen, sie benötigt niemanden, der sie bewundert: Sie ist immer schön. Auch das wahre Selbst ist aus sich heraus vollständig und vollkommen.
Als Symbol für das wahre Selbst in Märchen steht auch die Vereinigung eines Liebespaares. Denn die Sehnsucht nach Liebe und die Sehnsucht nach dem Selbst sind voneinander kaum zu trennen (Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, S. 50, 66). Und so vermählt sich der Held oder die Heldin am Ende eines Märchens nicht nur mit seinem menschlichen Gegenüber, sondern auf einer höheren Ebene auch mit seinem wahren Selbst. Bei beiden Interpretationen entsteht eine Ganzheit!