„Wo ist mein Kind?“ - Abschied vom abgetriebenen Kind 


Jede Abtreibung wirkt auf Körper und Seele. Oft hat die Frau noch Jahre nach der Abtreibung Schuldgefühle - und es wird ihr durch die (patriarchale) Gesellschaft nicht unbedingt einfacher gemacht. Dieser Blog beleuchtet Hintergründe und bringt Ansätze zur Befriedung. 

In Deutschland werden pro Jahr etwa 100.000 Schwangerschaften abgebrochen, die allermeisten (ca. 95%) aufgrund der Beratungsregelung. Schwangerschaftsabbrüche sind nach § 218 StGB grundsätzlich strafbar. § 218a Abs. 1 StGB macht davon eine Ausnahme, wenn die Frau mindestens drei Tage vor dem Eingriff sich nach § 219 StGB in einer anerkannten Beratungsstelle beraten lassen hat, wenn der Abbruch von einem Arzt / einer Ärztin vorgenommen wird und wenn seit der Empfängnis nicht mehr als 12 Wochen vergangen sind. In Ostdeutschland (einschließlich Berlin) ist die Zahl der Abtreibungen wesentlich höher als in Westdeutschland. Dies dürfte auch historische Gründe haben, denn in der DDR war eine Abtreibung in den ersten 12 Wochen ohne weitere Voraussetzungen legal und konnte in einer Klinik vorgenommen werden. In der früheren BRD stand Abtreibung dagegen unter Strafe und blieb nur bei besonderen Indikationen straffrei. Für das gesamte Bundesgebiet nach dem Beitritt der DDR wurde zum 1.1.1996 mit der Beratungsregelung ein neues Abtreibungsrecht geschaffen.

Wer will über die Gründe einer Frau für Abtreibung urteilen? Wer kann sich 1:1 in eine solche Notsituation hineinversetzen, die dazu führt, dass eine Frau das eigene Kind loswerden möchte?
 

Ich habe jedenfalls bei meinen Aufstellungen oft mit Klientinnen und Klienten zu tun, für die die Mutter zu wenig Zeit hatte, mit denen die Eltern überfordert waren, die von vornherein nicht gewollt waren, die oft signalisiert bekommen haben: „Du bist mir zu viel.“ Ich arbeite auch mit Adoptierten. Die Ablehnung durch die Mutter bereits im Mutterleib oder später führt zu schweren psychischen Folgen. Sie führt zu Glaubenssätzen wie: "Ich bin es nicht wert, auf dieser Welt zu leben." , "Ich bin für alles zu blöd.", "Ich muss alles allein schaffen." etc. Alles zusammen erschwert das Leben - bei manchen Menschen extrem, bei anderen weniger. 

 

Die Gründe, die einerseits für den Erhalt des Lebens des ungeborenen Kindes sprechen und andererseits für die Entscheidungsfreiheit der Mutter haben die zuständigen Menschen, die sich auf § 218a StGB geeinigt haben, abgewogen. Sie haben sich dafür entschieden, dass eine Abtreibung in Deutschland nach einer Beratung durch eine anerkannte Beratungsstelle kein nach § 218 StGB strafbarer Schwangerschaftsabbruch ist. Das möchte ich so stehen lassen und um solche Abwägungen soll es auch in diesem Blog nicht gehen.

Abtreibung: Wirkung auf die Psyche 

Fakt ist, dass eine Abtreibung Auswirkungen auf die Psyche der betroffenen Frau und auch des betroffenen Mannes hat. Wie lange diese anhalten und wie stark diese sind, hängt von der späteren Aufarbeitung der Abtreibung ab. Hier können Systemaufstellungen oder andere Methoden sehr hilfreich sein.

 „Wenn es um Abtreibungen geht, haben viele Helfer, einschließlich ich selbst, eine Scheu, das anzuschauen und aufzugreifen. Denn das macht Angst.“ schreibt Bert Hellinger in seinem Buch „Ordnungen des Helfens. Ein Schulungsbuch“, S. 185. Wenn wir aber hinschauen und der Frau behilflich sind, zu der Abtreibung zu stehen, das Kind zu begrüßen und zu verabschieden, dann kann sie Frieden finden.

Eine Abtreibung wirkt auf drei Ebenen, die ich als Körper, Seele und Geist bezeichnen möchte. Zunächst ist es ein Eingriff in den Körper. Der Körper muss etwas von seiner Substanz aufgeben, er muss - im wahrsten Sinne des Wortes – bluten. Der Körper hat voller Erwartung und mit seiner Lebenskraft etwas aufgebaut und muss dieses wieder abgeben. Das kostet Kraft. Im Körper ist gespeichert, dass da etwas gewachsen ist, und der Körper mag fragen: „Wo ist mein Kind, in das ich meine Kraft gesteckt habe?“ Das sollte die Frau sehen und ihren Körper für seine "Tätigkeit" würdigen. 

Außerdem gibt die Frau etwas von ihrer Seele. Die Seele einer Frau ist immer auch bei ihren Kindern (Hellinger, ebenda). Eine Mutter liebt alle ihre Kinder auch ein abgetriebenes. Dass die äußeren Umstände so sind, dass sie es nicht bekommen kann, steht der Liebe nicht entgegen. Die Seele ist es aber auch, die spürt, dass es eine Ebene gibt, auf der es Unrecht ist, ein Kind abzutreiben. Und obwohl die Frau die Abtreibung möchte, weil - aus welchen Gründen auch immer - kein Platz für das Kind ist, hat dieser Teil von ihr Angst vor der Abtreibung und weiß um die Schuld.

"Wenn man nun kommt und Rechtfertigungen für die Frau sucht, dann glaubt das die Seele nicht." und „Wenn man in irgendeiner Weise eine Entschuldigung für die Abtreibung sucht, verliert diese Person ihre Würde und ihre Kraft.“ (Hellinger, ebenda). Die Instanz in unserem Inneren, die eine Abtreibung als Unrecht und Schuld empfindet, lässt sich durch Argumente und Rechtfertigungen nicht beeindrucken (Ulsamer/Ulsamer, Spielregeln des Familienlebens. Ordnungen der Liebe zwischen Eltern und Kindern, S. 37).

Daher ist es notwendig, dass man die Abtreibung in ihrer ganzen Brutalität anschaut. Hellinger ließ die Frau sagen: „Ich habe dich umgebracht.“ und konnte paradoxerweise eine befreiende Wirkung bemerken – übrigens auch auf den betroffenen Kindsvater, wenn er das sagt.

Tut man dies nicht, so kann es sein, dass die Seele unbewusst das Kind sühnen will. Es kann sein, dass die Frau unbeabsichtigt wieder schwanger wird, "um etwas wieder gutzumachen".

Das Größere

Aber es gibt noch eine dritte Ebene: das Schicksal. 

Wir alle sind in etwas Großes eingebunden. Es gibt sogar Leute die sagen, dass nur 30% der Sachen, die wir tun, tatsächlich unserem Willen unterliegen.

"Doch was immer mit uns geschieht, das geschieht auch Gott. Und was immer wir tun, Gott lebt in uns unser Leben." (Hellinger, Liebesgeschichten zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, uns und der Welt, Kösel 2006, S. 230). Und daher gibt es sehr wohl eine individuelle Schuld auf der seelischen Ebene, aber eine Ebene höher gibt es kein Gut und kein Böse mehr.

Hellinger sah in Aufstellungen, dass die abgetriebenen Kinder sich an ihr Schicksal kuschelten und bei ihm Schutz suchten (Hellinger, Ordnungen des Helfens. Ein Schulungsbuch, S. 185 ff.). Mein Lehrer Dr. Ero Langlotz, Psychiater in München und Entwickler der Methode der Systemischen Selbst-Integration bemerkt in seinen Aufstellungen, dass das abgetriebene Kind der Mutter nicht böse ist. Daher: Was das Schicksal mit der Mutter oder mit dem abgetriebenen Kind beabsichtigte, können wir nur erahnen. Mit unserem begrenzten menschlichen Verstand können wir das nicht beurteilen. Das Schicksal ist größer als wir. Und in dem Großen und Ganzen hat auch ein abgetriebenes Kind seinen Platz.

"Vor diesen großen Kräften, wie immer wir sie nennen wollen, geht keiner verloren, auch nicht ein abgetriebenes Kind. Alle sind in diesem Großen zu Hause." (Hellinger, Liebesgeschichten zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, uns und der Welt, Kösel 2006, S. 230).

Eine Aufstellung, geleitet von Dr. Ero Langlotz, in der eine Frau ihr Schicksal annimmt (allgemein, nicht bezogen auf Abtreibung), kann man sich hier anschauen.

Abtreibung - Mögliche Wirkungen auf die Partnerschaft 

Auch wenn eine Abtreibung einvernehmlich stattfand: Jede Abtreibung wirkt auf die Partnerschaft. Mit der Ablehnung des Kindes lehnt die Frau faktisch auch die Hälfte des Kindes ab, die vom Partner stammt. Damit entscheidet sie sich ein Stück weit gegen den Partner. 

Ebenso entscheidet sich der Partner gegen das Kind - und damit ein Stück weit gegen die Partnerin. So zumindest kann es die Seele tief in ihrem Inneren empfinden. Wird diese Instanz nicht beachtet oder gehört, wirkt kann sie dennoch im Unterbewusstsein wirken. Dies kann sich das auf die Beziehung auswirken: häufige Streitereien, Sexualität wird nicht mehr gelebt, die Beziehung geht ganz kaputt. Es kann auch sein, dass im Geheimen der Mann der Frau oder die Frau dem Mann doch Vorwürfe macht.

Das Einzige, was hilft, ist hinzuschauen. Das Paar muss durch den Schmerz hindurch. Es muss sich damit auseinandersetzen, dass ein Kind gezeugt und empfangen wurde, das aber nicht das Licht der Welt erblicken durfte. Und obwohl das Kind einvernehmlich abgetrieben wurde, kann es sein, dass die Frau oder das Paar Sehnsucht nach dem Kind haben. Wie im Märchen vom "Brüderchen und Schwesterchen", wo sich Mutter und Kind auch in verschiedenen Welten befanden, nur mit dem Unterschied, dass die Mutter in der spirituellen Welt und das Kind auf der Erde war. Die Mutter kommt des Nachts aus der spirituellen Welt, um sich um ihr Kind zu kümmern (übrigens auch um den in ein Reh verwandelten Bruder). Sie fragt: "Wo ist mein Kind, wo ist mein Reh?"

Man sollte dem abgetriebenen Kind eine Zeit lang einen Platz geben in seinem Leben, ihm seine Geschwister zeigen und die Welt. Sich vorstellen, wie es mit am Tisch sitzt etc. Doch nach einiger Zeit muss es vorbei sein, denn Schuld muss irgendwann vorbei sein. Dann wird nicht mehr darüber geredet. Das Kind hat dann seine Ruhe und das Paar schaut nach vorn (Ulsamer/Ulsamer, Spielregeln des Familienlebens, Ordnungen der Liebe zwischen Eltern und Kindern, S. 37 f.).

Abtreibung - psychische Folgen lösen. Eine Systemaufstellung

Nach einer Abtreibung sollte irgendwann Frieden einkehren. Schuld ist irgendwann vorbei und Schuldgefühle nützen niemandem etwas. Sie schwächen nur die Frau selbst. 

Auch ein abgetriebenes Kind ist aufgehoben im Großen und Ganzen - Hände tragen die ganze Familie

Hat die Frau auch noch nach Monaten oder Jahren Schuldgefühle, so kann eine Systemaufstellung der Systemischen Selbst-Integration helfen, Frieden zu finden. Die Aufstellung wird mit Bauklötzen als Stellvertretern durchgeführt. 

Wichtig für das Ende der Schuldgefühle ist, dass die Frau dazu steht, dass sie abgetrieben hat. In ihrem Leben gab es keinen Platz für ein Kind und unter dieser Situation hätte das Kind wiederum gelitten. In der Aufstellung gibt die Frau u.a. dem Kind sein Schicksal in Form eines Holzwürfels zurück. Sie sagt dazu: 

„Es ist Dein Schicksal. Es steht niemandem zu, darüber zu urteilen oder sich da einzumischen. Ich achte das jetzt und ich lasse es bei Dir.“

Denn was wissen wir über das Schicksal, wieso sich das Kind gerade diese Eltern ausgesucht hat etc. 


Am Ende sagt die Frau:

„Du bist mein Kind. Ich achte, dass Du damals zu mir kommen wolltest. Und ich hab mich damals gegen Dich entschieden. Und ich stehe dazu. Ich konnte Dich damals nicht begrüßen, deshalb konnte ich Dich auch nicht verabschieden.“

Falls die Frau andere Kinder hat, sagt sie: „Bitte schau freundlich auf Deine Geschwister.“ 


Die Frau spürt danach in die Figur hinein, die für das Kind steht. In bisher allen Aufstellungen hat sich herausgestellt, dass das Kind nicht böse ist. Im Gegenteil, es möchte, dass die Mutter ihr Leben lebt. 


Eine Anleitung für den Abschied von einem abgetriebenen Kind, die Du allein durchführen kannst, findest Du auf der Homepage von Dr. Ero Langlotz.

Fallbeispiel:

Abtreibung - Mögliche Folgen für Geschwister

Ist eine Abtreibung nicht bearbeitet und das Trauma noch als gegenwärtig abgespeichert, dann kann dieses bei der Geburt eines nachfolgenden Geschwisterkindes getriggert werden. Das nachfolgende Kind spürt die Trauer der Mutter und geht in die Energie dessen, wonach die Mutter Sehnsucht hat, hinein. 

Dadurch kann eine Identifizierung mit dem abgetriebenen älteren Geschwisterkind erfolgen. Das nachfolgende Geschwisterkind kommt nicht ganz im Leben an, das abgetriebene Kind kann nicht in seine Welt.

Es ist aber auch möglich, dass ein älteres Geschwisterkind sich mit einem abgetriebenen Kind identifiziert, wenn es bei der Abtreibung noch sehr jung ist. Auch dann spürt das (ältere) Geschwister, dass bei der Mutter ein Schmerz ist und versucht die Lücke zu füllen. Dazu ein Fallbeispiel aus dem Youtube-Kanal des Entwicklers der Methode der Systemischen Selbst-Integration Dr. Ero Langlotz.

Abtreibungstrauma der Mutter: Ein Elternpaar hat das Anliegen, eigene Themen zu klären, da die 13jährige Tochter schon längere Zeit nicht in die Schule gehen möchte. Da ihnen der systemische Gedanke nicht fremd ist, möchten sie bei sich schauen, ob es noch unverarbeitete Traumata im eigenen Raum gibt. Das Paar einigt sich, dass die Frau (Julia) die erste Aufstellung macht, da sie den größeren Druck bei diesem Thema verspürt. Aufgestellt werden die drei Selbstanteile von Julia sowie das blockierende Element (ca. 19 min). Beim Reinspüren in das blockierende Element taucht zunächst taucht auf, dass der Vater von Julia gestorben ist, als sie 8 Jahre alt war. Später (ab ca. 25:15 min) kommt hoch, dass Julias Mutter ein jüngeres Geschwister von Julia auf Drängen der Schwiegermutter abgetrieben hat. Julia war zu dem Zeitpunkt zwei Jahre alt. Dazu gestellt werden das jüngere Geschwisterchen, die Mutter und das Abtreibungstrauma. Mit diesem Trauma geht Julia in Resonanz. Im Laufe der Aufstellung wird das Trauma aus Julias Raum entfernt. 

Es stellt sich heraus, dass Julia das verlorene Geschwisterchen festgehalten hat und dadurch nicht in ihr eigenes Leben gehen konnte. Das Geschwisterkind konnte nicht in seine Welt gehen. Julia sagt am Ende (ca. ab 1 h : 46 min): „Ich muss Dich jetzt nicht mehr festhalten. Du bist jetzt frei dahin zu gehen, wo Du Deinen Frieden findest. Bitte schau freundlich auf meine Kinder.“ 

Der letzte Satz fühlt sich für Julia etwas merkwürdig an. Sie spürt daraufhin in die Figur für ihren Bruder hinein und bekommt die Botschaft: „Ja, gerne, mach ich.“ Der Bruder wird daraufhin mit Trommelklängen ins Licht begleitet.

Als Rückmeldung ein paar Wochen nach der Aufstellung gibt sie u.a. (nachzulesen auf Youtube): "Der Eindruck und die unmittelbaren Rückkopplungen waren nach der Sitzung stark, ich war dann ein paar Tage damit beschäftigt, dass immer wieder ein Puzzleteil aufgetaucht ist, welches ich jetzt in einen Kontext einfügen konnte. Das war sehr hilfreich, und ich hatte einige Aha – Erlebnisse ... Und definitiv ein Volltreffer war die bisher ungeahnte Wirkung auf mein Leben und Erleben durch meinen verlorenen Bruder. Er hat jetzt seinen guten Platz!"

Deine Wertschätzung für die Informationen: https://paypal.me/drgritludwig?country.x=DE&locale.x=de_DE.

Der SelbstVerbindungs-Blog 

von Dr. Grit Ludwig


Authentisch sein, auf die innere Stimme hören, das wird immer wichtiger in unserer Zeit! Oft ist unsere innere Stimme nicht ganz klar zu vernehmen: Durch (größere und kleinere) eigene Traumata aus der Kindheit, durch übernommene Traumata oder allgemein durch Verstrickungen aus dem Familiensystem verlieren wir teilweise die Verbindung zu unserem wahren Selbst.

 In diesem Blog findest Du Beiträge dazu, wie Du Dich besser mit Deinem Wesenskern verbinden kannst. Dadurch wird es möglich, dass Du Dein Leben als Original lebst und Deinen eigenen Weg gehst!