Der SelbstVerbindungs-Blog 

von Dr. Grit Ludwig 

Das Kollektive Wendetrauma der Ostdeutschen – Teil 1: Existenzbedrohung aufgrund von Deindustrialisierung

(Stand: 27.9.2021)

 
Durch die Vorgänge nach der sog. Wiedervereiningung am 3.10.1990 wurden zwei Arten von kollektiven "Wendetraumata" bei den damals in Ostdeutschland Lebenden hervorgerufen: Zum einen ein kollektives Trauma aufgrund von Existenzbedrohung (Wirtschaft am Boden, hohe Arbeitslosigkeit, aus soziologischer Sicht kriegsähnliche Zustände) und zum anderen ein kollektives Entwertungstrauma gekoppelt mit Kultur- und Werteverlust. Im folgenden Blog beleuchte ich das kollektive Trauma aufgrund von Existenzbedrohung.

Nachwendetrauma Existenzverlust

Zunächst mache ich im Teil A einen Faktencheck: Ich stelle eine Prophezeiung vor der ersten sog. freien Volkskammerwahl am 18.3.1990 sowie zwei Versprechungen des damaligen Bundeskanzlers Kohl vom 1.7.1990, dem Tag der Einführung der D-Mark in der damaligen DDR, der später herrschenden Realität Anfang der 90er Jahre gegenüber. Danach gehe ich auf konkrete psychische Auswirkungen der so eingetretenen Wirklichkeit ein sowie auf die anhaltenden psychischen Wirkungen bis heute. Abschließend verweise ich auf die Methode der Systemischen Selbst-Integration nach Dr. Langlotz(R), mit der man anhaltende Wirkungen des Nachwendetraumas der (kollektiven) Existenzbedrohung aufspüren und aus dem eigenen Raum entfernen kann. Im Teil C finden Sie weitere Fakten zu Ost und West, die die Gegenwart beschreiben.


A. Faktencheck


a) Faktencheck 1: "Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!“

Im Wahlkampf zur ersten sogenannten freien Volkskammerwahl am 18.3.1990 gab es den Slogan: „Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!“. Dieser entstammte der Feder des Kohl-Vertrauten Horst Teltschik – und nicht - wie den Leuten glauben gemacht wurde, von den Demonstrierenden in der DDR. Der Spruch war Teil des Marketings zur Übernahme der DDR, die ja die alte BRD schon lange im beabsichtigt hatte. Weitere Teile der Erzählung waren, dass sich die DDR auf einen Wirtschaftskollaps und Zahlungsunfähigkeit zubewege, dass die Modrow-Regierung unfähig sei, Entscheidungen zu treffen und dass die Massenfluchten gestoppt werden müssten (Yana Milev in Der Kreuzer, Heft 10/2020). Damit diese Taktik aufging, war eine massive Panikmache in der Bevölkerung vonnöten – und es funktionierte! Jens Reich, Mitbegründer des Neuen Forums, sagte zwanzig Jahre später zum Wahlkampf: »Das Bonner Nilpferd ist in einer Massivität gekommen, dass man einfach hilflos war. Im Wahlkampf ist einfach der gesamte Apparatismus des Westens in den Osten gebracht worden. Dem hatten wir nichts entgegenzusetzen. Das waren in die DDR exportierte Westwahlen.« (zitiert nach Yana Milev, Das Treuhandtrauma – Die Spätfolgen der Übernahme, 2020, S. 15). 

Die Prophezeiung, dass die Leute massenhaft das Land verlassen, ist eingetreten! Allerdings nicht deshalb, weil die D-Mark nicht gekommen wäre, sondern GERADE WEIL sie schon dreieinhalb Monate nach der Volkskammerwahl, am 1.7.1990, in der DDR eingeführt wurde. Während in den Jahren 1989 und 1990 zusammen etwa 800.000 Menschen die DDR verließen (die meisten gingen, weil in ihrer Region Betriebe geschlossen wurden und die Arbeitslosigkeit drastisch anstieg), waren es vom ersten durchgehend gesamtdeutschen Jahr 1991 bis zum Jahr 2017 über 3,6 Mio. Dem stehen 2,45 Mio. Zuzüge aus dem Westen gegenüber (Zeit Online vom 2.5.2019, Die Millionen, die gingen). Durch den sehr frühen Einzug der D-Mark wurde ein extremer Strukturwandel forciert, der jede Wirtschaft überfordert hätte und dem auch die DDR-Wirtschaft nichts entgegen zu setzen hatte (dazu sogleich beim Faktencheck 2).


b) Faktencheck 2: „Blühende Landschaften“ 

„Blühende Landschaften“ im Osten hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) am 1. Juli 1990 anlässlich der Einführung der D-Mark in der DDR versprochen. „Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“ Später räumte Kohl intern ein, dass er das selbst nicht geglaubt, sondern bewusst die Menschen über den Zustand der "neuen Bundesländer" belogen hat (Kohls Lüge von den blühenden Landschaften, Der Spiegel 2018). 

Wie sah die Realität 1991 aus? Im Jahre 1989 hatte die DDR den 16. Platz im Welthandel eingenommen. Mit 39% hatte die DDR eine höhere Exportquote als die alte BRD. In nur drei Jahren – zwischen 1990 und 1992 – stürzte das Volumen der Industrieproduktion in Ostdeutschland, auf weniger als ein Drittel (Modrow in: Hartmann: Die Liquidatoren. Der Reichskommissar und das wiedergewonnene Vaterland, edition ost, 3. Aufl., Berlin 2008, S. 11). Die DDR wies im Vergleich zu westlichen Industrieländern einen vergleichsweise hohen Industrialisierungsgrad auf. Im Jahr 1988 waren 35,5% der Erwerbstätigen im Verarbeitenden Gewerbe beschäftigt; in Westdeutschland betrug der entsprechende Anteil in diesem Jahr demgegenüber nur 28,5 Prozent. Die Zahl der Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe in Ostdeutschlands schrumpfte allerdings bis zum Jahr 1991 von ehemals 3,3 Millionen auf nur noch 1,7 Millionen (Ragnitz, Strukturwandel nach Entindustrialisierung, Bundeszentrale für politische Bildung 2020). 

Mit Einführung der Marktwirtschaft zum 1. Juli 1990, dem Datum der Schaffung der Wirtschafts- Währungs- und Sozialunion wurde die bis dato abgeschottete DDR-Wirtschaft schlagartig dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Die Einführung der D-Mark zum Umtauschkurs 1:1 für die ostdeutsche Industrie bedeutete im Export eine Aufwertung um rund 400%. Dies machte den Verkauf ostdeutscher Produkte auf westlichen Märkten faktisch unmöglich. Auch die osteuropäischen Märkte, bis dahin ein sicherer Absatzmarkt für DDR-Produkte, brachen wegen der dortigen Systemtransformation schlagartig weg. Gleichzeitig wurden die Tariflöhne nach der Vereinigung schnell angehoben, was die Kostensituation der ostdeutschen Unternehmen weiter verschlechterte, nicht zuletzt auch wegen des hohen Personaleinsatzes (Ragnitz, Strukturwandel nach Entindustrialisierung, Bundeszentrale für politische Bildung 2020). Es war also nicht erst die Treuhand, die die Entindustrialisierung hervorrief: Ursache war vielmehr die Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990. Dadurch wurde die ostdeutsche Industriearbeitsgesellschaft praktisch ‚über Nacht’ mit Produktivitäts- und Rentabilitätsanforderungen, nachholender Technisierung und Rationalisierung konfrontiert – besser gesagt – überfordert (Röbenack, Bundeszentrale für politische Aufklärung 2020). 


c) Faktencheck 3: „Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor - dafür vielen besser.“ 

Ebenfalls am 1.7.1990 bei der Einführung der D-Mark versprach Kohl, dass es niemandem schlechter, aber vielen besser gehen würde. Allerdings verloren 80% der Ostdeutschen allein im Zeitraum von 1990 bis 1995 ihren Arbeitsplatz oder ihr Arbeitsplatz wurde so umgestaltet, dass sie mit ihren bisherigen Kenntnissen dort nicht mehr mithalten konnten (Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, Der Tagesspiegel vom 9.6.2021). Die Zahl der Beschäftigten in Ostdeutschland sank von rund 9,8 Millionen im Herbst 1989 auf 6,7 Millionen Ende 1991. Dazu kamen rund rund 1,8 bis 1,9 Millionen Erwerbspersonen, die sich in beschäftigungspolitischen Maßnahmen befanden (z.B. Kurzarbeit Null) und rund 400.000 Ost-West-Pendler*innen. Das Ausmaß der Unterbeschäftigung in Ostdeutschland, also das Defizit regulärer Beschäftigung, lag damit 1991 jahresdurchschnittlich bei rund 3,157 Mio. Ein Anteil von knapp 1/3 der im Herbst 1989 Erwerbstätigen befand sich also Ende 1991 nicht in regulärer Beschäftigung. 

Es kam zu einer massiven Umstrukturierung des Arbeitsmarktes mit vielen Berufswechseln, Massenarbeitslosigkeit und einem deutlichen Anstieg der individuellen Unsicherheit. So verließen bis 1996 etwa 75 % aller Ostdeutschen ihren Arbeitgeber aus dem Jahr 1989. 40 % aller Beschäftigen waren zumindest ein Mal bis 1996 arbeitslos und die aggregierte Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland stieg von einem auf knapp 20 % im Zeitraum von 1989 bis Mitte der 1990er (Haan et al., Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen sinken deutlich bei Männern und Frauen in Ost- und Westdeutschland, DIW Wochenbericht 7+8, 2019, S. 101). 

B. Wirkungen auf die Psyche der Betroffenen 

Der Hoffnungen wurden viele geweckt und umso herber war dann die Enttäuschung. Die Realität von Massenarbeitslosigkeit und Niedergang der Wirtschaft hatte tief greifende Auswirkungen auf die Psyche der betroffenen Menschen.

Kollektive Traumatisierung

a) Arbeitslosigkeit und Existenzangst 

Wie bei der beschriebenen Realität nicht anders zu erwarten, hat es in Ostdeutschland in den Jahren 1990 und 1991 „einen schweren Stimmungseinbruch im Gefolge einer schweren Umstellungskrise mit erheblicher (erzwungener) Mobilität für die Individuen und mit sozial-strukturellen Umbauten für die gesellschaftlichen Institutionen“ gegeben (Wolfgang  Zapf 1992, Die Transformation in der ehemaligen DDR und die soziale Theorie der Modernisierung, Öffentlicher Vortrag im Rahmen der Fachbeiratssitzung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, 23. April 1992, MPIFG Discussion Paper 92/4, Köln). In kurzer Zeit wurden den Ostdeutschen Veränderungen zugemutet wie keiner Bevölkerungsgruppe in Westdeutschland in den vergangenen 40 Jahren. Viele Menschen haben sich fortgebildet, was nicht immer zu einem besseren Job führte (Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, Der Tagesspiegel vom 9.6.2021). Viele Menschen haben die neuen Länder verlassen; die meisten sind nicht wiedergekommen. 

Wie groß die sozialen Verwerfungen und die Unsicherheit waren, bezeugen Daten über Eheschließungen und Geburten: Die Zahl der Eheschließungen ist in der DDR 1990 im Vergleich zu 1989 um 22% zurückgegangen, die Zahl der Geburten um 12%. Im Jahre 1991 hat sich dieser Rückgang gegenüber 1990 nochmals dramatisch erhöht: auf schätzungsweise 40% weniger Eheschließungen und Geburten im Vergleich 1990. Niemals hat es in Westdeutschland ähnliche demographische Eruptionen gegeben, nur aus Kriegsjahren sind ähnliche Einbrüche bekannt (Wolfgang Zapf 1992, Die Transformation in der ehemaligen DDR und die soziale Theorie der Modernisierung, Öffentlicher Vortrag im Rahmen der Fachbeiratssitzung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, 23. April 1992, MPIFG Discussion Paper 92/4, Köln). 


b) Individuelle und Kollektive Traumatisierung 

Ein Trauma ist ein überwältigendes Ereignis, für das das Gehirn in dem Moment, in dem es passiert, keine Bewältigungskapazität hat. Eine Traumatisierung entsteht, wenn die Fähigkeit des Gehirns, ein Ereignis zu integrieren, überfordert ist. Der Körper bekommt dann keine Meldung, dass das Ereignis vorüber ist und eine Normalisierung der Stressreaktion stattfinden kann. Das Ereignis bleibt als gegenwärtig abgespeichert und kann in entsprechenden Situationen getriggert werden. Das Gehirn sagt nicht: „Das ist passiert.“, sondern es verbleibt beim: “Das kann alles nicht wahr sein.“ Das medizinische Klassifikationssystem ICD 10 und die zugehörigen diagnostischen Anleitungen beschreiben ein Trauma als „[…] ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (Dilling, H., Freyberger H.: Taschenführer zur ICD-10 Klassifikation psychischer Störungen, 9. Aufl.). Das ist bei dem beschriebenen Ausmaß von Existenzbedrohung infolge Deindustrialisierung der Fall. Hinter den Zahlen stehen viele (traurige) Einzelschicksale, viele Male Existenzangst, unsichere Zukunft, Hoffnungslosigkeit etc.

 

Bei einer kollektiven Traumatisierung erleben viele Menschen unter den gleichen Einflüssen eine individuelle Traumatisierung (siehe https://www.dr-grit-ludwig.de/selbstverbindungs-blog/wie-entsteht-ein-trauma/).  Bei einem individuellen überwältigenden Ereignis kann es sein, dass keine Traumatisierung entsteht, weil die Umstände in der Folge des Ereignisses ein Verarbeiten der schrecklichen Situation erlauben. Bei einer kollektiven Traumatisierung ist dies kaum möglich, da alle Betroffenen mit der Verarbeitung ihres eigenen Traumas kämpfen und daher für andere Traumatisierte nicht ausreichend zur Verfügung stehen.
 

Über den Zustand in den Köpfen der Ostdeutschen gibt eine Emnid-Studie von Ende 1992 Auskunft. Sie konstatierte, dass 45% der Bevölkerung in Ostdeutschland eine depressive Stimmung und Angst vor der Zukunft haben: „In dieser Welt des Umbruchs und der Ungewißheit, in der noch immer mehr untergeht als neu entsteht, hat sich unter den Ostdeutschen eine depressive Stimmung verbreitet, wie sie Deutschlands Demoskopen noch nie und nirgends festgestellt haben, nicht mal im Ruhrgebiet, als dort die Zechen starben. Mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in der Ex-DDR hat das Gefühl, »in dieser Gesellschaft nicht mehr gebraucht zu werden": 36 Prozent, das sind viereinhalb Millionen Menschen. Die Stimmung, überflüssig zu sein, ist bei den Jüngeren unter 30 ebenso stark entwickelt wie bei den Älteren zwischen 50 und 60. Andere Emnid-Daten von Ende 1992 bestätigen diesen Befund: „Von Jahr zu Jahr ist nach der Wende der Anteil derer gestiegen, die »Angst vor der Zukunft« haben, von 33 Prozent im Herbst 1990 auf 37 %Mitte 1991 und nun auf 45 Prozent.“ (Erst vereint, nun entzweit; Der Spiegel Heft 3/1993). Wie Wolfang Zapf a.a.O. feststellte, sind solche kollektiven Einschnitte nur aus Kriegsjahren bekannt. Aufgrund der hohen Anzahl derer, die ob der Umstände hoffnungslos und verzweifelt waren, ist von einer kollektiven Traumatisierung durch das Nachwendetrauma der Existenzbedrohung auszugehen.

 
c) Anhaltende Wirkungen der (Kollektiven) Traumatisierung
Ein nicht geheiltes Trauma mindert unsere Fähigkeit, präsent und vollständig verkörpert zu sein. Es leidet darunter auch unsere Fähigkeit, auf andere einzugehen und uns mit ihnen auf gesunde Art verbunden zu fühlen. Traumatisierte sind anfälliger für Stress. Wird der Stresspegel zu hoch, sind Wutausbrüche, Vermeidung sozialer Kontakte, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche etc. die Folgen. Ist der Stresslevel auf Dauer hoch, so führt dies zu Burnout, Angst- und Panikzuständen, Depressionen, chronischer Verspannung etc., aber z.B. auch einem inneren Gefühl von Abgeschnittensein. Damit das Trauma nicht getriggert wird, versucht die Person Trigger zu vermeiden, d.h. sich nicht in Situationen zu begeben, die das Trauma aktivieren.
 

Ebenso wie bei der Traumatisierung eines Individuums entsteht bei einer kollektiven Traumatisierung Vermeidungsverhalten, nun aber des Kollektivs. Es werden Verhaltensweisen der Vermeidung Konsens. Dieses Vermeidungsverhalten soll helfen, das Kollektive Trauma nicht zu triggern. So galt nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland der Satz: "Schaut nach vorn und nicht zurück." und "Wir wollen durch Fleiß dem Elend entfliehen." Leider ist dieser Überlebensmodus "Dem Elend entfliehen durch Fleiß." auch heute noch im Kollektiv verankert und viele können sich immer noch nur schwer davon lösen, auch wenn es ihnen materiell gut geht. Im Fall des ostdeutschen Existenzbedrohungstraumas kann z.B. eine Möglichkeit des Vermeidungsverhaltens sein, dass man weniger Risiko hinsichtlich der eigenen Existenz eingeht, sondern mehr Sicherheit sucht, z.B. in einer Angestelltentätigkeit statt einer Selbständigkeit.

Traumatisierte haben auch oft Schuldgefühle, sie fühlen sich selbst für das ihnen Widerfahrene verantwortlich. Die zum Trauma führenden Umstände rufen Erfahrungen extremer Wirkungslosigkeit hervor. Dadurch, dass sich Opfer selbst die Schuld geben, weichen sie der Erfahrung der Wirkungslosigkeit aus. Die Schuldgefühle verhindern aber eine Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Situation und der Verbannung des Traumas aus dem eigenen Raum.

Kollektive Traumatisierungen sind oft auch die Traumatisierungen, die transgenerational weitergegeben werden (siehe hier im Selbstverbindungsblog: Transgenerationale Weitergabe von Traumata). D.h., auch Menschen, die Anfang der 1990er Jahre noch Kinder waren oder noch nicht einmal geboren, können das Trauma der Existenzbedrohung von ihren traumatisierten Bezugspersonen übernommen haben.
 

Das (eigene oder von Bezugspersonen übernommene) Trauma der Existenzbedrohung kann getriggert werden durch Umbruchssituationen, in denen Zukunftsängste wieder hochkommen, z.B. im Zuge der gegenwärtigen Einschnitte in Erwerbsbiografien durch die Corona-Maßnahmen. In einer Systemaufstellung nach der Methode der Systemischen Selbst-Integration nach Dr. Langlotz(R) kann man anschauen, inwieweit das Existenzbedrohungstrauma, das Anfang der 90er in weiten Teilen der Bevölkerung Ostdeutschlands entstanden ist, im eigenen Raum noch Wirkung entfaltet. Das Trauma kann man aus dem eigenen Raum entfernen, so dass es nicht mehr getriggert werden kann. Das Gleiche gilt bei von den Eltern oder anderen nahen Bezugspersonen übernommenen Traumata. Durch die individuelle Aufarbeitung leistet man auch einen Beitrag zur Aufarbeitung der Kollektiven Traumata der Ostdeutschen. 

C. Weitere Fakten zu Ost und West aus der Gegenwart

Die Wirkungen der historischen Ereignisse in Ostdeutschland Anfang der 1990er Jahre sind nicht nur auf psychischer Ebene heute noch präsent. Sie prägen auch im Jahr 2021 die Realität.

a) Vorab: Wer ist 2021 ostdeutsch?
Als Ostdeutsche werden in der Soziologie alle Menschen begriffen, die in der DDR geboren wurden und dort mindestens bis zum 14. Lebensjahr aufwuchsen, sowie alle nach dem 3. Oktober 1990 in den neuen Bundesländern und Ostberlin geborenen und im Wesentlichen dort aufgewachsenen Menschen mit Eltern, die 1989 Bürger der DDR waren. Westdeutsche, die nach 1989 in die östlichen Bundesländer zogen, aber auch deren Kinder, selbst wenn sie Teile ihrer Jugend in den neuen Bundesländern verbrachten, zählen demgemäß nicht zu Ostdeutschen (Kollmorgen, 2020, http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/310065/ostdeutsche-in-den-eliten). Nach dieser Definition leben in Ostdeutschland etwa 87% Ostdeutsche (Bluhm/Jacobs, 2016, Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung). Dies muss man bei den folgenden Statistiken berücksichtigen. Bezieht sich eine Statistik auf Ostdeutschland als Gebiet, dann bezieht sie sich nicht nur auf Ostdeutsche nach der soziologischen Definition.


b) Geringere Löhne und Gehälter

Noch 31 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung sind Lohnunterschiede groß: Während man in Erlangen mit 5000 Euro zur unteren Hälfte im Hinblick auf den Arbeitslohn zählt, gehört man in Görlitz mit 2450 Euro zur oberen (Der Spiegel Online vom 21.7.2021). Die ostdeutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind überwiegend in kleinen und mittelständischen Betrieben beschäftigt, die deutlich geringere Gehälter zahlen. Selbst wenn Großunternehmen eine Niederlassung in Ostdeutschland betreiben, beschränkt sich diese auf die weniger gut entlohnte Produktion. Besser vergütete Managementpositionen bleiben in Westdeutschland verortet. Keines der dreißig Dax-Unternehmen hat in Ostdeutschland seinen Sitz. Zudem dominieren im Osten Dienstleistungsunternehmen, die eher im Bereich niedriger Löhne einzuordnen sind (6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2021, S. 225). In die Statistik eingeschlossen sind auch Westdeutsche, die wegen eines gut bezahlten Jobs nach Ostdeutschland gekommen sind.

c) Ostdeutschland als verlängerte Werkbank des Westens

In der gesamtdeutschen und europäischen Wirtschaftsstruktur nimmt Ostdeutschland vor allem die Funktion des Zulieferers ein. Ostdeutschland ist damit die verlängerte Werkbank des Westens. Ohne die Verlagerung der westlichen Wertschöpfungsketten nach Ostdeutschland wäre das Wohlstandsniveau im Westen geringer. Allerdings haben die Firmen dort nur in seltenen Fällen auch Forschungs- und Entwicklungsabteilungen etabliert, in denen die Arbeit besser bezahlt wird. Dagegen ist der Niedriglohnsektor mit 40 Prozent doppelt so hoch wie im Westen. Aufstieg aus eigener Leistung wird für die dort Beschäftigten dadurch sehr schwierig, das prägt auch die Gesellschaft. Die gleichen Chancen, die die Politik seit der sog. Wiedervereinigung verspricht, sind für Ostdeutsche nicht gegeben (Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, Der Tagesspiegel vom 9.6.2021). 


d) Geringere Immobilien- und Geldvermögen

Die individuellen Immobilien- und Geldvermögen in Ostdeutschland waren im Jahr 2018 mit durchschnittlich 88.000 EUR nicht einmal halb so groß wie in Westdeutschland mit im Schnitt 182.000 EUR. Gründe dafür sind eine deutlich geringere Wohneigentumsquote in Ostdeutschland, der im Durchschnitt geringere Marktwert ostdeutscher Immobilien, die seit der Wiedervereinigung stets höhere Arbeitslosenquote und das geringere Lohnniveau (6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2021, S. 77 f.). Auch in dieser Statistik sind Westdeutsche, die in Ostdeutschland leben, einbegriffen.


e) Erster ostdeutscher Landkreis auf Platz 162 in der Einkommensliste

Schaut man in die Liste der Landkreise, Kreise und Kreisfreien Städte nach verfügbarem Haushaltseinkommen 2019, so ist der erste ostdeutsche Landkreis in der Liste der Landkreis Potsdam-Mittelmark auf Platz 152 von 400, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Landkreise/Kreise_und_Kreisfreien_St%C3%A4dte_nach_Einkommen. Dieser befindet sich freilich im Speckgürtel von Berlin. Der nächste ostdeutsche Eintrag ist der Landkreis Leipzig auf Platz 250. Die Stadt Leipzig ist übrigens auf Platz 387 gelistet. Überhaupt häufen sich am Ende der Liste die Landkreise und Kreisfreien Städte aus Ostdeutschland. 


f) Niedrigere Erbsummen
Die Erbsummen betrugen in Westdeutschland für den Zeitraum 2002 bis 2017 im Schnitt rund 92.000 EUR, während es in Ostdeutschland nur 52.000 EUR sind. Bei den Schenkungen waren es rund 94.000 EUR im Vergleich zu 58.000 EUR (Baresel et al., DIW Wochenbericht 5/2021, S. 64 ff.).

g) Niedrige Wohneigentumsquote

Der Anteil der Personen, die zur Miete wohnen, ist in Ostdeutschland höher als in Westdeutschland. Gerade Immobilienbesitzer*innen erzielten aber in den letzten Jahren deutliche Wertsteigerungen. Immobilien sind die quantitativ wichtigste Vermögenskomponente (Grabka/Halbmeier, DIW Wochenbericht 40/2019, S. 735 ff.).

Allerdings gehören Immobilien in vielen ostdeutschen Städten nicht den Menschen, die in ihnen wohnen. Die Wohneigentumsquote beträgt in Leipzig 13-14%, während Stuttgart auf 35% und das teure München immerhin noch 21% kommen. Ein Großteil der Immobilien in ostdeutschen Städten gehört Aktionären, Kapitalanlegern, Investoren (Riecker, Wem gehört der Osten? Die Stadt. Dokumentarfilm 2015, https://www.bpb.de/mediathek/285946/wem-gehoert-der-osten-die-stadt). Sehr viele Ostdeutsche überweisen ihre Mieten in den Westen.

In Leipzig, wo ich wohne, gibt es etwa 300.000 Wohnungen. Circa 9% davon gehören Finanzmarktinvestoren und börsennotierten Wohnungsunternehmen – sehr viel im Vergleich zu anderen Städten. Größte Gruppe sind die privaten Immobilienmillionär:innen mit mehr als sieben Wohnungen. Anders als in der typischen (West)deutschen Stadt, stammt ein Großteil davon nicht aus Leipzig (https://www.wemgehoertdiestadt.de/leipzig).

 

h) Prozentual mehr Arme in Ostdeutschland - und weniger Reiche

In Ostdeutschland leben ca. 15% der Deutschen. Allerdings sind in Ostdeutschland Lebende mit 28% weit überproportional in der Gruppe vertreten, die in Deutschland als „arm“ bezeichnet wird. Die soziale Lage „Armut“ ist als verfestigte multiple Armut charakterisiert; das Zusammentreffen und die Dauerhaftigkeit von niedrigem Einkommen und geringen Ressourcen in den Lebenslagen macht das Besondere dieser Lage aus. Ursächlich ist hier insbesondere die Erwerbsdeprivation: Arbeitslosigkeit und eine geringe Erwerbsintensität prägen diese soziale Lage entscheidend (Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2021, S. 129 f.). Ebenso mit 28% und damit überproportional stark vertreten sind in Ostdeutschland Lebende an der Gruppe, die als „Prekariat“ bezeichnet wird. „Prekariat“ ist Sinne eines „prekären Wohlstands“ zu verstehen und meint einen gefährdeten Lebensstandard oberhalb von Armut (6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2021, S. 130).  Dass Ostdeutsche in der Gruppe der besonders Wohlhabenden kaum vertreten sind, korrespondiert mit diesem Befund.


i) Unterrepräsentation in den Eliten in Gesamtdeutschland

Ostdeutsche sind in Eliten unterrepräsentiert. Eliten sind jene sozialen Gruppen, die in bestimmten Handlungsfeldern oder Sektoren,wie Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft, durch spezifische Auswahlverfahren auf Positionen gelangten, die sie mit herausgehobener Handlungsmacht ausstatten. Eliteangehöriger ist, wer innerhalb und für soziale Gruppen, Institutionen und Organisationen mit gesamtgesellschaftlicher Wirkungsreichweite die wesentliche Steuerungs- und Entscheidungskompetenz besitzt (Kaina Eliteforschung. In: Viktoria Kaina, Andrea Römmele (Hrsg.): Politische Soziologie. Ein Studienbuch. Wiesbaden 2009, S. 385-419, 2009, 385 ff.).

Es werden zwei Elite-Ebenen unterschieden. Die Top-Elite, d.h. der Kreis derabsoluten Spitzenpositionen auf nationaler Ebene, umfasst insgesamt etwa 1.500 Positionen (z.B. Ministerpräsident*innen der Länder, Vorstandsvorsitzende der umsatzstärksten Großunternehmen oder die Intendant*innen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten). Zur weiter verstandenen Elite zählen die jeweiligen Mitglieder entsprechender Führungsgremien (wie der Vorstand eines Großunternehmens) oder auch die Angehörigen der Ebene darunter, d.h. etwa auch die Staatssekretär*innen auf Länderebene oder Oberlandes- und Landesgerichtspräsident*innen sowie Rektor*innen der großen staatlichen Universitäten. Hier handelt es sich – je nach konkreter Auswahl –um etwa 5.000-10.000 Elitepositionen. In der Top-Elite in Gesamtdeutschland waren im Jahr 2016 nur 2-3% Ostdeutsche. Im Durchschnitt aller Sektoren bewegt sich der Anteil Ostdeutscher für die Jahre zwischen 2015 und 2018 auf einem teils geschätzten Niveau von 6% bis 8% (Kollmorgen 2020). 


j) Unterrepräsentation in den Eliten - sogar in Ostdeutschland

Auch in Ostdeutschland selbst sitzen Ostdeutsche weniger häufig an einflussreichen Schnittstellen als ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. So besetzten Ostdeutsche im Jahr 2016 etwa 25-30% aller Elitepositionen (bei einem Bevölkerungsanteil von 87%). In den westlichen Bundesländern dürfte der Anteil Ostdeutscher an den Eliten bei max. 2% liegen – bei einem Bevölkerungsanteil von ca. 5%. Die Chancen Ostdeutscher, in die Elite aufzusteigen, sind in den zentralen Feldern staatlicher (Verwaltung, Judikative, Militär, Polizei, Wissenschaft), ökonomischer und massenmedialer Herrschaft systematisch geringer als im repräsentativ demokratischen Politikfeld (Kollmorgen, 2020). So ist auch im Zeitverlauf seit den 1990er Jahren nicht zu erkennen, dass der Anteil an Ostdeutschen kontinuierlich ansteigt. Zuwächsen in manchen Sektoren stehen sogar Rückgänge in anderen gegenüber (Lengfeld, H. (2019), Kaum Posten für den Osten, in: Deutschland Archiv, 10.9.2019, Link: www.bpb.de/296773.). So weist auch der 6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung auf das Risiko hin, dass sich aus mitunter nachvollziehbar sozial unausgewogenen Stellenbesetzungen in den ersten Übergangsjahren nach der sog. Wiedervereinigung feste Strukturen etablieren, die Ostdeutsche an den Schaltstellen in ihren eigenen Heimatregionen ausgrenzen. Denn mit der Vertretung in Eliten hat die Frage zu tun, inwieweit jemand auf wirkmächtiger Ebene für seine Interessen eintreten kann (6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2021, S. 442).

D. Fazit
Die Ereignisse Anfang der 1990er Jahre in Ostdeutschland haben auch 31 Jahre nach der sog. Wiedervereinigung noch negative Auswirkungen auf Ostdeutsche und deren Nachkommen. Es ist auch nicht zu sehen, dass sich die Auswirkungen mit der Zeit abschwächen. Damit Ost und West wirklich zusammenwachsen, sind erhebliche Anstrengungen notwendig, angefangen mit dem Anerkennen, dass die Ereignisse Anfang der 1990er Jahre zwei Arten kollektiver Traumatisierung bei den Ostdeutschen hervorgerufen haben. Diese lassen sich nicht einfach mit "mehr ostdeutschem Selbstbewusstsein" auflösen, wie das schon gefordert wurde. Notwendig ist ein offener Diskurs über die Umstände, die zur Währungsunion und zum so raschen Beitritt der DDR geführt haben, ebenso wie über die konkrete Ausgestaltung der sogenannten Wiedervereinigung. Ähnlich wie bei der Wahrheitskommission in Südafrika nach dem Ende der Apartheid muss die Wahrheit auf den Tisch, wenn Frieden einkehren soll.