Brüder Grimm:

Rotkäppchen und der böse Wolf 


Nicht nur um die Einhaltung von Regeln, sondern auch um viel Lebensfreude (den Blumen am Weg Beachtung schenken, in einen Trog voller Wurstbrühe springen etc.) geht es in diesem Märchen in seiner ursprünglichen Fassung aus den Kinder- und Hausmärchen von 1812.

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt. Weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Da sagte einmal seine Mutter zu ihm: „Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, die bring der Großmutter hinaus, weil sie krank und schwach ist, wird sie sich daran laben; sei aber hübsch artig und grüß sie von mir, geh auch ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts." Rotkäppchen sagte: „Ja, ich will alles recht gut ausrichten", und versprach es der Mutter in die Hand. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. 

Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf, Rotkäppchen aber wusste nicht, was es für ein böses Tier war und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rotkäppchen", sprach er.  „Schönen Dank, Wolf." — „Wo willst du so früh hinaus, Rotkäppchen?“ — „Zur Großmutter." — „Was trägst du unter der Schürze?“ — „Kuchen und Wein für die kranke und schwache Großmutter; gestern haben wir gebacken, da soll sie sich etwas Gutes tun und sich stärken."

„Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?" — „Noch eine gute Viertelstunde im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nusshecken, das wirst du ja wissen“, sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: „Das junge, zarte Mädchen, das ist ein guter, fetter Bissen für dich, wie fängst du's an, dass du den kriegst?“ 

Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er: „Rotkäppchen, sieh' einmal die schönen Blumen, die im Walde stehen, warum guckst du nicht um dich; ich glaube, du hörst gar nicht darauf, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wie zur Schule und es ist so lustig draußen in dem Wald."

Rotkäppchen schlug die Augen auf und als es sah, wie die Sonne durch die Bäume hin und her sprang und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: „Ei! Wenn ich der Großmutter einen Strauß mitbringe, der wird ihr auch lieb sein; es ist noch früh, dass ich doch zu rechter Zeit ankomme und sprang in den Wald und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, dort stand noch eine schönere Blume und lief danach und lief weiter in den Wald hinein.

Der Wolf aber ging geradewegs zu dem Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. „Wer ist draußen?" — „Rotkäppchen, das bringt dir Kuchen und Wein, mach mir auf." — „Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen." Der Wolf drückte an der Klinke und er trat hinein, ohne ein Wort zu sprechen, geradezu an das Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann nahm er ihre Kleider, tat sie an, setzte sich ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rotkäppchen aber war herumgelaufen nach Blumen und als es so viel hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr.

Wie es ankam, stand die Türe auf, darüber verwunderte es sich und wie es in die Stube kam, sah es so seltsam darin aus, dass es dachte: „Ei! Du mein Gott, wie ängstlich wird mir es heut zu Mut und bin sonst so gern bei der Großmutter.“ 

Drauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück, da lag die Großmutter, hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. ,,Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!" — „Dass ich dich besser hören kann." — „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!" — „Dass ich dich besser sehen kann." — „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!" — „Dass ich dich besser packen kann." — „Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!" — „Dass ich dich besser fressen kann." Und wie der Wolf das gesagt hatte, sprang er aus dem Bette und auf das arme Rotkäppchen und verschlang es.
Wie der Wolf den fetten Bissen im Leibe hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben vorbei und dachte bei sich: „Wie kann die alte Frau so schnarchen, du musst einmal nachsehen, ob ihr etwas fehlt.“

Da trat er in die Stube und wie er vors Bett kam, so lag der Wolf darin, den er lange gesucht hatte. Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, dass er vielleicht die Großmutter gefressen hatte und er könne sie noch erretten. 

Darum schoss er nicht, sondern nahm eine Schere und schnitt dem schlafenden Wolf den Bauch auf. Wie er ein paar Schnitte getan, da sah er das rote Käppchen leuchten und wie er noch ein wenig geschnitten, da sprang das Mädchen heraus und rief: „Ach, wie war ich erschrocken, was war es so dunkel in dem Wolf seinem Leib!" Dann kam die Großmutter auch lebendig heraus. Rotkäppchen aber holte große schwere Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, dass er gleich niedersank und tot zu Boden fiel.

Da waren alle drei vergnügt, der Jäger nahm den Pelz vom Wolf, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte. Rotkäppchen dachte bei sich: „Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir es die Mutter verboten hat.“ 

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort seines Wegs. 

Sie sagte der Großmutter, dass es den Wolf gesehen und ihm einen guten Tag gewünscht habe, aber er habe so bös aus den Augen geguckt. „Wenn es nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen." — „Komm“, sagte die Großmutter, „wir wollen die Türe verschließen, dass er nicht herein kann." Bald danach klopfte der Wolf an und rief: „Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes." Sie schwiegen aber still und machten die Türe nicht auf. Da ging der Böse etliche Mal um das Haus und sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Haus ging, dann wollt' er ihm nachschleichen und wollt’ es in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind: „Hol' den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog." Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, dass er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen; so rutschte er vom Dach herab und gerade in den großen Trog hinein und ertrank.

Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus und es tat ihm niemand etwas zu Leid.

Rotkäppchen und gesellschaftliche Prozesse
Das rote Käppchen im Rotkäppchen erinnert nicht nur an eine sexuelle Reife im individuellen Prozess, sondern auch daran, seinen eigenen Kopf zu haben und ihn durchzusetzen.

Auch kollektiv müssen wir unseren Gefühlen trauen. Wenn wir – wie der Jäger merken, dass irgendetwas „faul“ ist in unsere Gesellschaft, dann müssen wir dem nachgehen und eingreifen. Das Märchen stimmt uns aber auch zuversichtlich, denn auch als Gesellschaft werden wir nur dann auf eine neue Stufe gehoben, wenn unsere altes Leben „verschlungen“ wurde. Dieser Prozess ist vermutlich nicht angenehm, denn er hat nichts Stückweises, sondern etwas Überwältigendes. Es ist aber ein notwendiger Prozess, so wie eine Geburt immer mit heftigen Geburtswehen und auch mit Lebensgefahr für Mutter und Kind verbunden ist. Im Geburtskanal ist es dunkel, d.h. zur Orientierung müssen wir uns auf uns selbst verlassen. Wenn es um uns herum dunkel ist, müssen wir uns auf uns selbst zurückbesinnen. Wir müssen darauf vertrauen, dass es einen Weg aus dem Dunkel gibt und dass es am Ende des Tunnels hell wird. Dabei mögen uns Leitfiguren, wie im Märchen vom Rotkäppchen der Jäger, der über die notwendige Wachheit und Wahrnehmungsfähigkeit verfügt, helfen.

Bei der Begegnung mit dem zweiten Wolf kann das Rotkäppchen schon selbst Wahrheit und Täuschung unterscheiden. Sie merkt, dass der Wolf etwas ganz anderes im Schilde führt, als seine Worte vermuten lassen. Sie lässt sich nicht vom Weg abbringen, sondern geht ruhigen Schrittes weiter.