Schneewittchen, der Froschkönig und der Wolf – 

13 Märchen für Erwachsene

Inspirationen per Email jeden Tag vom 25.12.2022 bis 6.1.2023

Hier eine Kostprobe zum Märchen

"Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich"


Meine Gedanken zum Froschkönig

Das Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ handelt vom Erwachsenwerden. Eine Prinzessin und ein Prinz durchlaufen einen Entwicklungsprozess und finden am Ende als Paar zusammen. Und dieses Erwachsenwerden kann sich sehr oft im Leben wiederholen. Wenn wir aus einer bestimmten Lebenssituation herauswachsen, wenn diese für uns nicht mehr passt, dann dürfen wir uns davon „emanzipieren“, davon lösen und weitergehen. Dieser Prozess läuft immer nach einem ganz bestimmten Muster ab. Dieses Muster beschreibt das Märchen vom Froschkönig. 


Am Anfang beschreibt das Märchen das Vater- und das Mutterreich. Beide stehen der Prinzessin zur Verfügung. Sie wächst dort auf, macht ihre Erfahrungen, ist dort eingebunden. Der Vater, der König, hat ein Schloss. Dieses ist prunkvoll, groß, weiträumig, hell. Später im Märchen erfahren wir, dass die Prinzessin von einem goldenen Tellerlein ist. Das Schloss wird von der Sonne beschienen. Die Sonne steht in der Astrologie für den Vater und das väterliche Prinzip in uns. Sie symbolisiert rationales Denken, Disziplin, Kontrolle, Regeln und Ordnung. Man „beleuchtet“ etwas und dadurch wird es in seiner Ordnung erkennbar. Die Prinzessin wächst beim Vater im Schloss auf. Von der Mutter erfahren wir im ganzen Märchen nichts. Wenn der Tag sehr heiß ist -, also wenn das Lichtvolle überhand nimmt – geht die Königstochter als Ausgleich in den dunklen Wald. 

Dort steht eine alte Linde und unter der Linde befindet sich ein Brunnen mit kühlendem Wasser. Hier wird das Mutterreich beschrieben. Das mütterliche Prinzip wird in der Astrologie durch den Mond symbolisiert. Der Mond wird in der dunklen Nacht sichtbar. Wir sind von Finsternis umhüllt, es darf Geheimnisse geben. Es geht nicht darum, etwas rundum zu beleuchten und rational zu verstehen. Wir dürfen uns in die Stille hineinbegeben, in das Spüren, dürfen uns aufgehoben fühlen. Wenn wir in der Natur sind, urteilt niemand über uns. Wenn wir uns lange in der Natur aufhalten, kommt manchmal ein Punkt, an dem wir uns mit allem verbunden fühlen. Daher sucht die Prinzessin den Platz im dunklen Wald auf. Die Linde wird erwähnt – ein Symbol für etwas Heilendes. Das Wasser wiederum symbolisiert die Gefühle, die im Mutterreich eher einen Platz haben als im rationalen Vaterreich. Beim kühlen Brunnen im Wald darf sich die Prinzessin angenommen, behütet und geborgen fühlen. 

Und so spielt die Königstochter an diesem Platz im Wald mit ihrer goldenen Kugel. Hier darf sie Kind sein und sich austoben. Die Kugel ist ihr liebstes Spielzeug. Die goldene Kugel steht für etwas Vollkommenes, Vollendetes, Schönes und Wertvolles. Der Königstochter geht es gut, das Leben ist vollkommen. 

Aber, und da passiert es schon: Eines Tages fällt die Kugel beim Spielen nicht zurück in die Hände der Prinzessin, sondern auf die Erde. Von da aus rollt sie in den Brunnen hinein. Die Königstochter verfolgt sie noch mit den Augen, aber da ist es schon geschehen: Die Kugel verschwindet im tiefen Brunnen, in dem man den Grund nicht sieht. Die Kugel symbolisiert das bisher perfekte Leben. Für die Prinzessin ist es die behütete Kindheit, das Aufgehobensein im Mutter- und im Vaterreich: die Kindheit. Diese muss irgendwann einmal zu Ende gehen, so ist der Lauf der Dinge, aber Abschiede sind immer schmerzhaft. Die Kugel war bis jetzt das liebste Spielzeug der Prinzessin, aber nun erwarten sie andere Lebensinhalte. Und daher verschwindet die Kugel im Brunnen.


Über den Verlust der Kugel ist die Königstochter schockiert und sehr traurig. Sie „fing an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten.“ Die Trauer wird mit diesem Satz ausgemalt. Es ist doch bloß eine Kugel – will man ihr sagen. Aber das Märchen ist an dieser Stelle so ausführlich. Es betont, wie wichtig es ist, dass wir Gefühle spüren, zulassen und ausdrücken. Unsere Gesellschaft hat es uns oft anders beigebracht. Wie oft wurden in der Kindheit unsere Gefühle übergangen, vielleicht mit dem Satz: „Ist doch gar nicht schlimm.“ und dann wurde uns ein Bonbon angeboten. Als Erwachsene sind wir dann immer noch geneigt, negative Gefühle beiseite zu schieben und uns gleich mit Essen, Arbeit oder einem neuen Spielzeug abzulenken. 

Als nächstes kommt im Märchen der Frosch auf die Bühne. Der alte Wasserpatscher, ein garstiges Tier. Die Prinzessin bekommt die goldene Kugel zurück, aber sie muss dazu auch noch den Frosch nehmen. Als sie dem Frosch verspricht, dass er ihr Geselle sein darf, glaubt sie, dass das sowieso nichts werden kann – und verspricht es leichthin. 

Aber am nächsten Tag, als die Prinzessin im Vaterreich bei Tisch sitzt, kommt der Frosch, das Versprechen einzulösen. Der Vater sieht schon die Angst der Prinzessin, als sie die Tür öffnet und den Frosch davor sitzen sieht. Aber im Vaterreich herrscht Ordnung und es gelten Regeln. Und so muss die Prinzessin das leichtfertige Versprechen einhalten. Das Märchen vom Froschkönig macht deutlich, dass für ein gesundes Aufwachsen sowohl die mütterliche Fürsorge als auch die väterliche Strenge, die einen Rahmen und dadurch Halt gibt, notwendig sind.

Nach dem Essen will der Frosch mit in die Kammer der Prinzessin. Die Prinzessin fängt an zu weinen. Der Vater wird zornig und weist diesmal auf ein moralisches Prinzip hin: „Wer Dir geholfen hat, als Du in der Not warst, den sollst Du hernach nicht verachten.“ Dann wechselt aber die Szenerie: Nachdem die Prinzessin den Frosch mit zwei Fingern die Treppe hinaufgetragen hat, ist sie nun in ihrer eigenen Kammer angekommen. Dort entscheidet nicht der Vater, sondern sie selbst. Sicher ist sie mit den Regeln und der Struktur aufgewachsen und weiß auch das Haltgebende daran zu schätzen. Aber in ihrer eigenen Kammer hat sie ihre eigene Entscheidungsgewalt. Und da darf sie die Regeln noch einmal überprüfen. Als der Frosch auf ihr Bett gehoben werden möchte, als er dann droht, es dem Vater zu sagen, da wird die Königstochter wütend. Sie packt den Frosch mit der ganzen Hand und wirft ihn „aus allen Kräften wider die Wand“.

Bekannt ist auch eine Version des Märchens, in der die Königstochter den Frosch nicht an die Wand wirft, sondern ihn küsst. Dabei handelt es sich aber um eine patriarchale Vorstellung. Die Frau gibt sich dem (selbst noch unerlösten) Mann hin – und dadurch verwandelt der sich von einem garstigen Frosch in einen schönen Prinzen. Nur leider wird die Frau dabei irgendwann depressiv, denn sie hat ihren eigenen Gefühle weggedrückt, z.B. im Märchen den Ekel gegenüber dem Frosch und die Wut auf ihn. Wenn sie dieses Muster des Wegdrückens der eigenen Gefühle zu ihrem Verhaltensmuster macht, dann wird sie irgendwann depressiv oder körperlich krank. Sie hat verlernt, auf die eigene innere Stimme zu hören und sie als wertvoll zu achten. Sie erlaubt sich nicht, ihren eigenen inneren Raum zu schützen. Auf die Dauer frisst sie zu viele negative Emotionen in sich rein – und das zeigt ihr dann irgendwann der Körper.

Also, dann lieber die Wut ausdrücken! Das Wahrnehmen der eigenen Gefühle, das Dazu-Stehen und das Ausdrücken erscheint im Märchen vom Froschkönig als ein zentraler Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden, auf dem Weg zum Frau-Sein. Nachdem die Kindheit mit der goldenen Kugel „ins Wasser gefallen“ ist, beginnt eine Reifungsphase, in der die Prinzessin lernt, herauszufinden, was sie selbst will und das auch nach Außen kenntlich zu machen. Dabei kommen verschiedene Einflüsse von außen: die goldene Kugel bekommt sie nur mit dem „garstigen“ Frosch zurück, mit diesem muss sie sich also auseinander setzen. Der Frosch heftet sich nicht nur an ihre Fersen, als sie fröhlich nach Hause springt, er fordert penetrant ein, was sie ihm versprochen hat. Dadurch bietet der Frosch der Königstochter das Gegenstück, um herauszufinden, wie ihre Gefühle dazu sind. Und der Frosch spitzt die Situation durch die Drohung mit dem Vater selbst auch immer mehr zu. Der Frosch überschreitet eine Grenze, denn ihn mit ins Bett zu nehmen – das ist dann wirklich zu viel des Guten.

So bringt der Frosch die Prinzessin dazu, die Regel des Vaters zu übertreten. Um ihre eigenen Grenzen zu wahren und sich selbst treu zu bleiben, verleiht die Prinzessin ihrer Wut Ausdruck und wirft den Frosch an die Wand. Und genau dieser Prozess war notwendig, damit der Frosch erlöst wird. Am Ende werden durch die „Schreckenstat“ beide erlöst: die Königstochter steht zu sich selbst und bekommt dafür einen schönen Prinzen. Sie entdecken Liebe und Sexualität. Am nächsten Tag führt der Prinz die Prinzessin heim in sein Reich. Beide sind erwachsen geworden.

Beide sind erwachsen geworden? Nun ja, beim Prinzen war es eine Art Schnelldurchlauf. Der Froschkönig betrifft in erster Linie das Erwachsenwerden vom Mädchen zur Frau. Den Prozess, wie ein Junge zum Mann wird, beschreibt das Märchen vom Eisenhans

Die Hochzeitskutsche wird von acht weißen Pferden gezogen. Die 8 ist die Zahl der Wende, der Umstülpung. Die liegende Acht wird Lemniskate genannt. An der engsten Stelle, wo sich die Linien treffen, vollzieht sich die Wandlung. Sterben wir durch den Kreuzungsmittelpunkt hindurch, wendet sich die Entwicklung auf der anderen Seite in eine neue Dimension. Die Prinzessin geht durch den schmerzhaften Prozess der Trauer und der Wut hindurch, durch den Kreuzungspunkt der liegenden Acht (Lemniskate). So gelangt sie auf der anderen Seite in eine neue Dimension und bekommt einen schönen Prinzen. Das ist wie eine Geburt. Da muss man auch durch den engen Geburtskanal ins Licht. Am Ende fährt man ins neue Königreich. 

Das Schöne ist, dass Jemand die Prozesse im Hintergrund liebevoll begleitet: der eiserne Heinrich im Märchen. Das Märchen vom Froschkönig heißt ja „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. Wieso wird der Kutscher extra im Titel erwähnt? Der eiserne Heinrich spielt eine ganz wichtige Rolle (und die Märchen waren früher ja für die Erwachsenen gedacht). Er steht für eine (höhere) Macht, die das Geschehen beobachtet warmherzig im Hintergrund begleitet. Sie kann und darf aber nicht eingreifen, weil sie weiß, dass die Prozesse eben so ablaufen müssen. So ähnlich wie die Eltern in die Pubertät nicht eingreifen können, vielleicht hoffen und bangen, aber im Hintergrund die Prozesses mit gutmütigen Augen begleiten. So ist der eiserne Heinrich froh, dass am Ende aus dem Frosch ein stattlicher Mann geworden ist, der nun seine Braut heimführt. Er hatte sich Reifen um das Herz legen lassen müssen, damit es nicht zerspringt. Nun ist er voller Freude und das Herz ist befreit. 

Der Froschkönig war in allen drei Märchenausgaben der Brüder Grimm das erste Märchen. In jedem Märchen gibt es eine höhere Macht, die das Geschehen begleitet. Nur beim Froschkönig wird diese ausdrücklich beschrieben. Da der Froschkönig jeweils das erste Märchen in den Märchenbüchern war, bildet diese höhere Macht auch einen Rahmen für alle andere Märchen.


Losgelöst vom individuellen Erwachsenwerden skizziert das Märchen vom Froschkönig aber ein Muster für Transformations- /Veränderungsprozesse. Die goldene Kugel steht für etwas, das in unserem Leben nicht mehr passt. Es verabschiedet sich aus unserem Leben – darüber dürfen und sollten wir trauern. Wir bekommen erst einmal nichts Schönes als Ersatz, sondern müssen irgendwie mit dem hässlichen Frosch klarkommen. Dabei gibt es gewisse Regeln, an die wir uns halten müssen und die erst einmal einen Rahmen geben. Im Laufe des Prozesses haben wir aber dann die Chance auszusortieren, was passt und was nicht. Wir sind aufgefordert, nicht die Augen zu schließen und den hässlichen Frosch zu küssen, sondern zu unseren Gefühlen zu stehen. Erst, wenn wir unserer Wut Ausdruck verleihen, kann etwas Schönes herauskommen, etwas, was wir uns gar nicht vorstellen konnten. Und dadurch wird am Ende auch das Hässliche, Nervige gegen das sich unsere Wut richtete, erlöst!

Audiodatei mit dem nacherzählten Märchen folgt...